Ursachen zur Flugunfähigkeit

…oder: Es ist noch immer gut gegangen?

von Michael J. Charles

 

Sicher haben viele von Ihnen schon in ihrem Umfeld miterlebt, dass eine Flugdiensttauglichkeit nicht lediglich regelkonform von den JAR-FCL oder EU-Verordnungen abhängig ist, sondern viel mehr ihren Ursprung in der realen persönlichen gesundheitlichen Konstitution findet. Hat der Fliegerarzt erst einmal sein Votum an das LBA weitergeleitet, nimmt das „Unheil“ neben der medizinischen Belastung seinen Lauf und bringt im besten Fall nur eine zeitliche Einschränkung, im schlechtesten Fall aber die Fluguntauglichkeit auf Dauer mit sich.

Die Folgen sind natürlich vielfältig. Der Verlust der Freude am fliegerischen Einsatz und der damit auch verbundenen Wertschätzung durch Dritte sind die eine Seite. Vielmehr aber greift das fliegerärztliche Urteil in die gesamte Lebensplanung ein. Körperliche Beeinträchtigungen und finanzielle Einbußen nehmen erbarmungslos Einfluss auf einen selbst, die Familie und den vorher mehr oder weniger geschmeidig laufenden Lebensstil.

Als Kölner kenne ich den Spruch „Et hätt noch immer jot jejange“ zur Genüge. Er mag zwar in der Vorausschau bei mangelnder Risikobeurteilung und -vorsorge für den einen oder anderen eine gewisse Beruhigung mit sich bringen, lässt einen aber im eintretenden Katastrophenfall im Regen stehen.

Als seit Jahrzehnten in der Luftfahrt anerkannter Versicherungsmakler habe ich täglich mit der Risikovorsorge, aber auch mit den dazu gehörigen Leistungsfällen meiner Kunden zu tun.

Die Lizenzverlustversicherung – als Summenversicherung oder laufende Rentenversicherung – ist vom Prinzip her eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Für die Auslösung des Leistungsfalles spielen hier allerdings besondere, berufsspezifische Bedingungen eine Rolle.

Nicht so bei den ursächlichen Erkrankungen. Hier reihen sich Piloten sehr wohl in die für die Allgemeinheit geltenden medizinischen Diagnosen und deren Fallverteilung ein.

Eine Auswertung des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft (GDV) aus dem Jahr 2016 hat anhand von 38 % des Bestandes an Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherungen (über alle Berufsgruppen) ergeben, dass die Hauptursache für eine Berufs- und Erwerbsunfähigkeit in psychischen Erkrankungen (Männer 25 %, Frauen 35 %) liegt. Danach folgen Krebserkrankungen (Männer 15 %, Frauen 23 %) und Erkrankungen des Bewegungsapparates (Männer 26 %, Frauen 14 %). Unfälle spielen bei Männern mit 12 %  und bei Frauen mit 5 %  eine Rolle. Der Anteil von Herz-/Kreislauferkrankungen als Ursache für einen Versicherungsfall sind auf Grund der immer besser werdenden medizinischen Versorgung auf 9 % bei Männern und 4 % bei Frauen zurückgegangen.

Bevor ich auf die von meinem Unternehmen ermittelten Leistungsursachen bei Verkehrsflugzeug-führern eingehe, muss ich mit dem Vorurteil aufräumen, dass der Berufsstand der fliegenden Zunft bei den Volkskrankheiten außen vor sei. So, wie Sie nicht die Physik außer Kraft setzen können, so wenig gelingt Ihnen das bei der Gesundheit.

Psychische Stabilität ist bei Piloten unbestritten ein wesentlicher Bestandteil ihrer beruflichen Konstitution und Grundvoraussetzung für deren tägliche Arbeit. Hierzu hat die US-amerikanische Elite-Universität Harvard im Jahr 2015 eine Studie durchgeführt, an der rund 3.500 Piloten aus mehr als 50 Ländern in Form einer Befragung teilnahmen. Hiervon beantworteten 1.848 auch die Fragen zu ihrer aktuellen psychischen Verfassung. Im Ergebnis zeigten 233 Personen (12,6 %) deutliche depressive Symptome. Damit einher gingen Schlafstörungen, Konzentrationsbeeinträchtigung, Antriebslosigkeit und Medikamenteneinsatz. 

Nachdem mein Unternehmen inzwischen weit über 2.500 Verkehrsflugzeugführer zu seinen Kunden zählt, hat uns natürlich interessiert, wie weit denn die (internationale) Studie aus Massachusetts auch bei den Schadenfällen in Deutschland eine Rolle spielt. Dabei kamen wir zu folgendem Ergebnis, das die nachfolgende Statistik aus fünf zurückliegenden Jahren aufzeigt:

Statistik LoL

Sie sehen, dass es hier zum einen bei der nachweislich aufgetretenen Leistungsursache „Psyche“ eine erhebliche Abweichung zu den in den USA erhobenen subjektiven Selbstauskünften gibt; andererseits sind, gemessen an den Gesamtzahlen der Versicherungswirtschaft, Piloten tatsächlich als psychisch stabiler anzusehen. Höher ist allerdings der Anteil an Krankheiten des Herz-/Kreislaufsystems und von Unfallfolgen. Dies hat aber mutmaßlich im ersten Fall seine Ursache in den besonderen Anforderungen an die Flugtauglichkeit und den Belastungen am Arbeitsplatz im Cockpit. Im zweiten Fall spielen Beeinträchtigungen durch oft einfache Unfallfolgen, die in anderen Berufsbildern beim Einfluss auf die Berufsfähigkeit unerheblich sind, bei der Berufsausübung im Cockpit eine Rolle. Dass von diesen genannten Ursachen alle Altersgruppen der Pilotenschaft getroffen werden können und auch werden, ist sicher jedem klar. Um so wichtiger ist es, für diese Fälle vorgesorgt zu haben und nicht unter dem Druck finanzieller Probleme Beeinträchtigungen unbehandelt zu lassen oder zu ignorieren. Wer eine Grundversorgung über private oder betriebliche Absicherungen hat, kann beim Umgang mit auftretenden Krankheiten freier entscheiden und positiv im eigenen Interesse, dem seiner Familie und nicht zuletzt der ihm anvertrauten Menschen handeln. Dies gilt vor allem, wenn die dahinterstehenden Versicherungsbedingungen, aber auch die Versicherer mit Verstand gewählt werden, damit nicht der Leistungsfall mit dem Ringen um eine Anerkennung zusätzlich belastet wird.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen always safe and happy landings.

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